Konsum-Fallen auf der Spur: terzScouts als Testeinkäufer unterwegs

Regine Klett, Journalistin | Foto: A.GE, Agentur für Generationenmarketing

Die terzStiftung baut in der Schweiz ein Netzwerk von terzScouts auf. Als eine Art «Pfadfinder» nehmen Männer und Frauen ab 50 Produkte und Dienstleistungen genau unter die Lupe, testen sie auf ihre Tauglichkeit für ältere Menschen, spüren Trends und Barrieren auf, die deren Alltag beeinflussen.

Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Detektiv. Ich schaue mich verstohlen um, versuche, möglichst jedes Detail wahrzunehmen, pirsche mich vorsichtig voran. Und ich beobachte die anderen Kunden im Laden: der Mann dort drüben, der suchend vor einem Regal steht, unsicher nach einer Dose greift, sie in die Hand nimmt, anschaut, zurückstellt. Oder jene Frau, die resolut eine Angestellte nach einem Produkt fragt – sind das auch solche wie ich: terzScouts, die diesen vor Kurzem neu eröffneten Lebensmittel-Supermarkt darauf testen, ob er den Bedürfnissen von Kunden über 50 entspricht.

Eine Fülle von Fragen
Natürlich gehen wir Test-Einkäufer nicht mit dem Fragebogen in der Hand durch das Geschäft. Schliesslich wollen wir wirken wie ganz normale Kunden. Aber ich habe einen Spickzettel dabei. Darauf sind die wichtigsten Dinge notiert, auf die ich achten soll und die ich sonst vielleicht übersehen würde. Zum Beispiel: Ist der Fussboden sauber und trittsicher, wie wirkt die Atmosphäre im Laden auf mich? Kann ich die Waren im obersten Regal gut erreichen, sind die Artikel angeschrieben, ist für alle Fälle Hilfe zur Stelle und ist der Weg zu den Toiletten deutlich sichtbar gekennzeichnet? Eine Fülle von Fragen, die einen solchen Test-Einkauf schon zu einem Erlebnis der etwas anderen Art machen. Denn meine Aufmerksamkeit wird auf Dinge gelenkt, die mir sonst eher nicht auffallen würden, und mir wird plötzlich auch klar, warum ich in manchen Geschäften lieber einkaufe als in anderen.
Inzwischen ist es fast schon eine Binsenweisheit: Die Gesellschaft wird immer älter, vor allem aber bleiben ältere Menschen immer länger fit, immer länger aktiv, und das in fast jeder Hinsicht. Man hat auch längst neue Begriffe für sie gefunden: Sie sind die «Generation 50plus», die «Best Ager», «Golden Ager», «Senior Citizens» oder die «Silver-surfer» am PC. Doch das Bild in den Köpfen hat mit der Realität bisher meist nicht Schritt gehalten. Ob bei Banken, Behörden oder im ganz alltäglichen Umgang – nicht selten werden Ältere als ein bisschen dumm, ein bisschen dusselig, nicht mehr ganz zurechnungsfähig abgetan, nicht ernst genommen. Oder sind schlicht nicht existent, wie etwa in der Werbung, wenn 40-Jährige für AntiAging-Cremes oder Färbemittel für graue Haare Reklame machen. Andererseits ist aber längst bekannt, dass die angeblich «dummen Alten» für viele Branchen eine immer wichtigere Zielgruppe darstellen, kaufkräftig, konsumfreudig und qualitätsbewusst.
Vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. Denn ein älterer Mensch lässt sich nicht mehr unbesehen alles «andrehen», hat genaue Vorstellungen davon, wie er seinen Alltag, sein Leben gestalten will, um lange selbständig bleiben zu können, und er möchte weiter als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft geachtet, anstatt von den Jüngeren als dumm und störend abqualifiziert, das heisst diskriminiert zu werden. Andererseits legt er besonderen Wert auf Service und Beratung, gelegentlich auch auf etwas Unterstützung und Hilfe, wenn Dinge unverständlich scheinen, ein Weg beschwerlich wird.

Trends und Barrieren aufspüren
Und genau hier setzen die terzScouts an. Als eine Art «Pfadfinder» nehmen Männer und Frauen ab 50 Produkte und Dienstleistungen genau unter die Lupe, testen sie auf ihre Tauglichkeit für ältere Menschen, spüren Trends und Barrieren auf, die deren Alltag beeinflussen. In Deutschland sind die terzScouts inzwischen eine Institution, auf deren Unterstützung immer mehr Firmen und Dienstleister zurückgreifen, um ihr Kaufverhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse genau zu erkunden und ihr Angebot danach auszurichten. Für die Schweiz ist nun die terzStiftung dabei, ein terzScout-Netzwerk aufzubauen, um auf die spezifischen Probleme älterer Kunden aufmerksam zu machen. Und da gibt es so manches. Zum Beispiel die meist viel zu kleine Aufschrift auf Produkten oder Beipackzetteln, unverständliche oder unleserliche Bedienungsanleitungen, die oft umständliche oder gar gefährliche Handhabung von Geräten. Im normalen Tagesablauf aber geht es oft ganz schlicht darum, ob beim Einkauf der Supermarkt barrierefrei zugänglich, das Personal freundlich und hilfsbereit ist, das Sortiment auch auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten, übersichtlich präsentiert, leicht zu finden und ohne Schwierigkeiten zu transportieren ist. Oder ob Kundinnen reiferen Alters und ebensolcher Figur in Modehäusern nicht abschätzig betrachtet und leicht herablassend bedient werden. Dies und noch vieles mehr prüfen und testen die terzScouts, in ihrem eigenen Interesse und dem ihrer Altersgenossen. Damit können sie ein wichtiges Bindeglied sein zwischen Herstellern und Dienstleistern auf der einen und den älteren Konsumenten auf der anderen Seite. Und sie können dazu beitragen, dass Menschen im dritten Lebensabschnitt in unserer Gesellschaft selbstbewusst auftreten, ihre Wünsche und Bedürfnisse klar zum Ausdruck bringen, aber auch Unzulänglichkeiten oder gar Diskriminierung deutlich benennen. Und übrigens: Es macht Spass, in diesem Sinne «Pfadfinder» zu sein, Unzulänglichkeiten und Hindernisse aufzuspüren, das Bewusstsein zu schärfen, im eigenen Interesse und im Interesse der anderen.

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