Interview: Jürgen Kupferschmid, Redaktion terzMagazin | Fotos: Parlamentsdienste Bern, iStockphoto
Zwischen Jung und Alt herrschen überwiegend gute Beziehungen – trotz des Geredes über einen „Generationenkrieg“.
Unser ganzes Handeln muss künftig daran gemessen werden, ob es generationenverträglich ist. Dafür plädiert die terzStiftung. Zu diesem Thema haben wir im Mai 2010 mit der damaligen Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer, die ihr Präsidialjahr unter das Motto «Generationen» gestellt hatte, ein Interview für das terzMagazin geführt.
Frau Bruderer, die terzStiftung ist überzeugt, dass unser ganzes Handeln für die Zukunft immer daran gemessen werden muss, ob es generationenfreundlich und generationenverträglich ist. Sie haben Ihr Präsidialjahr unter das Motto «Generationen» gestellt. Das verleiht diesem Thema nun auch politisches Gewicht. Was motiviert Sie, sich für engeren Zusammenhalt der Generationen zu engagieren?
Der entscheidende Grund für mein Engagement ist die Überzeugung, dass es einer Winwin- Situation für alle entspricht, wenn die Generationen ihre Erfahrungen gegenseitig austauschen und sich dadurch auch besser verstehen. Es gilt, dieses Verständnis künftig noch konsequenter zu fördern und die Zusammenarbeit über die Generationen hinweg stärker zu berücksichtigen und vor allem auch wertzuschätzen.
Die Solidarität zwischen den Generationen in der Schweiz funktioniert noch gut. Zu diesem Ergebnis ist der «Generationenbericht Schweiz» gekommen. Dagegen sprechen einige Medien noch immer vom «Generationenkrieg» in den Familien. Wie beurteilen Sie den Zusammenhalt zwischen den Generationen in der Gesellschaft, auf welchen Gebieten sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?
Wenn das Verhältnis zwischen den Generationen medial aufgegriffen wird, dann leider sehr oft im negativen Kontext und im Zusammenhang mit Befürchtungen. Zum Beispiel: «Haben die jungen Generationen zu wenig politischen Einfluss aufgrund der Stimmen-Übermacht älterer Menschen?» oder «Wie steht es um die Konkurrenz zwischen Alt und Jung auf dem Arbeitsmarkt – gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit?»
Ich habe zwar Verständnis für solche Fragen, sie bauen aber häufig auf Krisenszenarien und auf Einschätzungen, die man auch aus ganz anderem Blickwinkel sehen, auch viel positiver bewerten kann.
Ich weigere mich aus zwei Gründen dagegen, Jung und Alt gegeneinander auszuspielen. Erstens, weil die Generationenperspektive immer das «Miteinander» im Auge haben sollte – nicht das Gegeneinander der verschiedenen Altersgruppen. Und zweitens, weil die demographische Realität – die erweiterte, gemeinsame Lebensspanne – auch enorme Chancen birgt. Die verschiedenen Perspektiven, die in der heutigen Zeit zusammenfinden, entsprechen nämlich einem nie dagewesenen Potential, welches die Gesellschaft nutzen darf und nutzen soll.
Die familialen Generationenbeziehungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten eher verbessert als verschlechtert. Darauf weist die Psychologie-Professorin Pasqualina Perrig-Chiello hin, Mitautorin des «Generationenberichts Schweiz». Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund Potential für die Schweiz, und welche Massnahmen sind erforderlich, um es zu nutzen?
Die Rolle, welche die Familien in diesem Zusammenhang und überhaupt in unserer Gesellschaft spielen, ist von unschätzbarem Wert. Als Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau erlebe ich das beispielsweise im Bereich der Pflege ganz direkt: Pflegende Angehörige nehmen eine schier unersetzliche Rolle wahr.
Dies darf die öffentliche Hand jedoch nicht in die Versuchung führen, den politischen Handlungsbedarf zu delegieren oder gar zu negieren. Einerseits, weil nicht alle Pflegebedürftigen auf ein unterstützendes Umfeld zählen können – oder zählen wollen, aus dem Wunsch nach Distanz oder auch aus dem Wunsch, ihren Liebsten «nicht zur Last fallen zu wollen». Andererseits, weil auch die pflegenden Angehörigen selber unbedingt auf Unterstützung angewiesen sind; denn diese grosse Aufgabe ist auf Dauer oft nicht ohne Support und unterstützendes öffentliches Umfeld zu meistern.
Die Aufgabe der Politik kann und muss es meines Erachtens sein, zu positiven, unterstützenden Rahmenbedingungen für die Familien beizutragen.
Die ehemalige Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer.Vor einigen Wochen haben Sie die «CompiSternli» besucht, ein Projekt, das auch von der terzStiftung unterstützt wird. Dabei haben Sie erlebt, wie Kinder älteren Menschen den Umgang mit dem Handy erklären. Wie haben Sie diesen Besuch erlebt, und worin liegt der Gewinn solcher Projekte?
Ich habe den Nachmittag mit den CompiSternli richtig genossen – der gelebte Austausch zwischen den jungen und älteren Menschen war eine wahre Freude! Ich habe gestaunt ob der Geduld der Jugendlichen beim Erklären der verschiedenen Handyfunktionen. Ebenso war ich erfreut über den Mut und die Begeisterungsfähigkeit der älteren Kursteilnehmenden, im fortgeschrittenen Alter neue Technologien zu entdecken. Und der Gewinn war ganz offensichtlich: Am Ende des Kurses haben die Kursteilnehmenden frischfröhlich und ohne fremde Hilfe SMS ausgetauscht mit mir!
Nach dem Motto «Was älteren Menschen nützt, kann jüngeren nicht schaden» plädiert die terzStiftung dafür, dass mehr generationenfreundliche Produkte und Dienstleistungen angeboten werden. Zu diesem Zweck zeigen terzScouts Wünsche und Bedürfnisse, aber auch Barrieren und Hemmschwellen auf. Welche Rolle spielen die Generationenbeziehungen nach Ihrer Einschätzung in der Wirtschaft?
Auch die Wirtschaft kann nur davon profitieren, wenn sie das ganze Spektrum an Kundinnen und Kunden im Auge hat. Deshalb eröffnet eine generationenübergreifende Sicht auch für Unternehmen spannende Perspektiven.
Ich gratuliere und danke der terzStiftung und insbesondere den terzScouts dafür, dass Sie die Brücke schlagen zwischen den Bedürfnissen der Leute auf der einen und der Wirtschaft auf der anderen Seite.
In einem Interview haben Sie darauf hingewiesen, dass es im Bereich «Generationendialog» bereits eine Vielzahl von Initiativen und Organisationen gibt. Welche Wirkung versprechen Sie sich davon, die diversen Angebote miteinander zu vernetzen – z. B. auf Informationsplattformen wie www.intergeneration.ch?
Tatsächlich gibt es in der Schweiz viele tolle Projekte von Gemeinden, Organisationen oder Einzelpersonen, welche den Austausch zwischen den Generationen auf unterschiedlichste Weise fördern.
Mit der Plattform www.intergeneration.ch sollen diese Angebote sichtbarer gemacht werden. Denn diese meist durch Freiwilligenarbeit ermöglichten Projekte verdienen mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Wertschätzung. Sämtliche registrierten Projekte werden auf der Plattform übersichtlich präsentiert und können – zum Beispiel nach Region oder nach Thema – abgerufen werden.
Darüber hinaus verfolgt die Plattform das Ziel, diese Projekte respektive die darin engagierten Menschen besser zu vernetzen, damit man sich austauschen und voneinander lernen kann. Es muss nicht überall das Rad neu erfunden werden. Viele Projekte eignen sich nämlich hervorragend zur Nachahmung – und Kopieren soll in diesem Fall ausdrücklich erlaubt sein!
Nach Auffassung der terzStiftung vernachlässigen die Schweizer Parteien in ihren Programmen den demographischen Wandel. Dagegen bedarf es mutiger, neuer Lösungen für die gesellschafts- und sozialpolitischen Aufgaben, die sich daraus ergeben. Welche politischen Schritte halten Sie mit Blick auf eine älter werdende Gesellschaft für erforderlich?
Ein Paradigmawechsel würde guttun: Nicht die Nachteile der demographischen Entwicklung sollen im Vordergrund stehen, sondern die Chancen, die damit verbunden sind. Und auf verwirrende sowie teils despektierliche Begriffe wie «Alterung der Gesellschaft» oder in der Gesundheitsindustrie «Anti Aging» darf meiner Meinung nach getrost verzichtet werden. Insbesondere würde es mich freuen, wenn in unserem Land parteiübergreifend eine umfassende Generationenpolitik entwickelt werden könnte. Das wäre ein erfreulicher Schritt in der Schweiz und ein Gewinn für die immerhin vier hier zusammenlebenden Generationen.
Was heisst «selbständig bleiben» für Sie ganz persönlich?
Die Fähigkeit, mir eine eigene Meinung zu bilden. Die Freiheit, mein Handeln danach auszurichten. Und die Kraft, Verantwortung zu übernehmen – für mich selber, aber auch für mein Umfeld.


